...heißt eine Schiffsanlegestelle am nördlichen Ufer der Aach. Zwischen Trams und Aachbrück, dem früheren Finstern, verkehrte bis in die 1980er-Jahre ein Fährschiff im Tag-und-Nacht-Betrieb. Im Zuge der allmählichen Austrocknung der Aach musste der Fährbetrieb allerdings eingestellt werden. Mittlerweile ist die Aach in diesem Bereich vollständig verlandet und Trams zur trostlosen Einöde verkommen. Der Name lässt sich aus dem lateinischen trans terram ableiten, was soviel wie jenseits der Welt bedeutet. Das gegenüberliegende Aachbrück hatte von den alten Römern den bezeichnenden Namen finis terrae, also Ende der Welt, erhalten. Im Lauf der Jahrhunderte war dann aus trans terram Trams und aus finis terrae Finstern geworden, bis es in der NS-Zeit in Aachbrück umgetauft worden war, wie es heute noch offiziell heißt. Die von den Nazis bemühte Umbenennung von Trams in Neuland hingegen hatte sich nie durchsetzen können.
Seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert war Finstern als römische Grenzbefestigung gegen die Kelten und Germanen im Norden errichtet worden. Geplant war sogar der Bau einer Brücke von Finstern nach Trams gewesen, der auch tatsächlich begonnen, aber nie vollendet worden war. Die römischen Legionen hatten Lentia und Vindobona dem klimatisch extrem unwirtlichen Finstern schließlich vorgezogen. Im sogenannten III.Reich hatten die Nazis das Brückenprojekt wieder aufgenommen. Mehrere aus dem verlandeten Aachbett ragende Brückenpfeiler auf altrömischen Fundamenten, mit Gesteinsbrocken aus dem KZ Mauthausen aufgebaut, legen heute noch Zeugnis für dieses Scheitern ab.
Insbesondere während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Aachauen um Finstern ein gern besuchtes Erholungsgebiet gewesen. Das "Strombad Finstern" hatte sogar international einen guten Ruf genossen. Der Tourismus florierte, der Fährbetrieb war mehr als ausgelastet. Ab 1960 gab es dann einen Konjunktureinbruch. Auch veränderte der Kraftwerksbau in Oberaach, 90 km aachaufwärts, den Flusslauf und beeinträchtigte den Fährbetrieb. Die Touristen blieben aus, die Bevölkerung wanderte ab. Heute ist Aachbrück eine Geisterstadt. Nur der alte Fährmann lebt noch hier, betreibt eine Jausenstation, in die sich kaum jemals ein Gast verirrt, und wartet auf die Sintflut. Das Fährschiff "Fini" steht aufgebockt im Trockendock.
Zu unverhoffter Popularität verhilft Aachbrück gerade der österreichische Schriftsteller Ernst Wünsch, der seit Sommer 2010 an einem Roman mit dem Titel "Finstern" schreibt, den er Mitte 2011 zu veröffentlichen gedenkt.
Der commodore.of.the.bunker blickt ihm dabei kritisch über die Schultern. Manchmal tätschelt er sie ihm auch aufmunternd.
Freitag, 26. November 2010
Dienstag, 5. Oktober 2010
Hommage an Heinrich von Kleist
Ich bin der Krug,
der solange zum Brunnen geht,
bis er bricht.
Oder bin ich der Brunnen,
der bricht?
Heute noch,
morgen oder übermorgen.
Und dann nützt auch
ein noch so langer Schuhlöffel
nichts mehr.
© commodore of the bunker
Gedicht vom 5. Oktober 2010, eine klassische Bunkerelegie, findet der Commodore
der solange zum Brunnen geht,
bis er bricht.
Oder bin ich der Brunnen,
der bricht?
Heute noch,
morgen oder übermorgen.
Und dann nützt auch
ein noch so langer Schuhlöffel
nichts mehr.
© commodore of the bunker
Gedicht vom 5. Oktober 2010, eine klassische Bunkerelegie, findet der Commodore
Dienstag, 20. April 2010
Ernst Wünsch, das Plusquamperfekt & das Futurum exactum
Ernst Wünsch schreibt einen neuen Roman. Er wird „Finstern“ heißen, eine Verballhornung von „finis terrae“, Ende der Welt, ein Ort, von dem seit Menschengedenken eine Fähre ans andere Ufer übergesetzt hat. Der Fluss heißt „Aach“. Man ist versucht, diesen Namen von „Acheron“ abzuleiten, einen der antiken Unterweltflüsse. Das andere Ufer, das Jenseits, möglicherweise das Totenreich, der Orkus. Der Fährmann heißt allerdings nicht Hades, sondern Adrian Schall, & hat einen Hund, der Skipper heißt & nicht Zerberos. Dieser Schall ist aber nicht die Hauptperson dieses Romans. Die heißt nämlich Leo Kmetko & ist das Alter Ego des Autors. Handelt es sich bei „Finstern“ demnach um einen sogenannten autobiografischen Roman? Diese Frage stellte ich Ernst Wünsch höchst persönlich, als ich ihn mit meinem Hund beim Gassigehen mit seinem Hund begleitete. Mein Hund hört weder auf die Namen Zerberos, Skipper oder Castor, sondern schlicht & einfach auf Snoopy. Bzw. hört er auf den auch nur, wenn er Lust dazu hat. Wünschs Hund hingegen heißt weder Zerberos, Skipper noch Snoopy, sondern Castor & ist im Großen & Ganzen ebenso unfolgsam wie mein Snoopy. Sie sind eben beide Terriers. „Autobiografischer Roman?! Quatsch, Commodore!“, brummte Wünsch, während wir uns durch den Schlamm des Hungerbergweingartens hangaufwärts quälten & unsere beiden Terrier um die Wette an die Rebstöcke pinkelten, dass es eine wahre Freude war. „Ich erfinde einfach eine Figur, die in der ebenfalls von mir erfundenen Handlung eine Rolle spielt. Da sowohl Handlung als auch Protagonist möglichst authentisch wirken sollen, ist es von Vorteil, soziales Umfeld, charakterliche, physische & psychische Merkmale von Menschen, die man einigermaßen gut zu kennen glaubt, in diese Kreatur hineinzuverwursten. Da man sich selbst am besten kennt, ist man naturgemäß selbst immer erkennbar in dieser Person, was aber nicht heißt, dass man mit ihr identisch ist. Sie sind übrigens ebenfalls Bestandteils dieses Bräts, werter Commodore“, sagte Wünsch & lüpfte den Maschendrahtzaun, der am Hungerbergkamm den frei zugänglichen Weingarten von einem Grinzinger Privatgrundstück trennt, in dem sich ein Schwimmbiotop mit Wildenten, Schilf & Seerosen befindet. Castor & Snoopy schlüpften durch diese Öffnung, sprangen in den Teich & vertrieben die Enten. „Brät?!“, fragte ich verwirrt. „Von althochdeutsch brāto“, antwortete Wünsch oberlehrerhaft. „Was soviel wie schieres Fleisch & Weichteile bedeutet. Woraus zum Beispiel Leberkäs gemacht wird. Ein Mett halt.“
Nachdem die Hunde klatschnass wieder unter dem Zaun zurück in den Weingarten gekommen waren, wagte ich eine weitere, wie mir schien, literaturwissenschaftlich relevante Frage.
„Wenn wir schon dabei sind - wird die Geschichte in einer Wurscht erzählt oder gibt es eine Rahmenhandlung & die für Sie so signifikanten Abschweifungen in Episoden & Fußnoten?“
Wünsch blickte mich verständnislos an, bückte sich & streichelte mitleidig meinen Snoopy. „Fragt der eigentlich immer so beschränkt, Du armes Tier!“
Ich konnte Castor, der sich eifersüchtig auf Snoopy stürzen wollte, gerade noch am Halsband zurückhalten. Wünsch richtete sich wieder auf, blickte seufzend über die zu unseren Füßen liegende Döblinger Vorstadtsilhouette & dozierte:
„Finstern wird in drei Auszeiten erzählt. In jeder Auszeit erinnert sich mein Held Leo Kmetko an die Lebensabschnitte, die jeweils so eine Auszeit erforderlich gemacht haben. Man kann sagen, es gibt eigentlich nur mehr Plusquamperfekt & Futurum exactum“, sagte er & betrachtete mich kritisch. „Vorvergangenheit & Vorzukunft, ich weiß, ich weiß“, beeilte ich mich, ihm mein vollstes Verständnis kundzutun. „Die Gegenwart ernährt sich von der Zukunft & scheidet die Mitvergangenheit aus. Die ist zugleich die Erzählzeit. Ein reines Ausscheidungsprodukt sozusagen. In der Gegenwart zu erzählen wäre unliterarisch. Oder halten Sie Gebrauchs- & Regieanweisungen für Literatur, Commodore?“
Ich sagte sicherheitshalber gar nichts mehr & auch Wünsch schwieg den ganzen Heimweg über in Gedanken versunken. Ich nehme an, auch er versuchte zu verstehen, was er mir am Hungerberg alles verbraten hatte.
Zum Abschied fragte ich ihn rein rethorisch: "In den großen Romanen der Literaturgeschichte kommen auch immer Frauen vor..."
"Auch in Moby Dick?", unterbrach mich Wünsch.
"Wie ist das in Finstern? Was spielen die Frauen da für eine Rolle? Und wie heißen sie?", ließ ich mich nicht weiter irritieren.
"Eine von ihnen ist Kapitänin & heißt Klara Fall."
Wien-Oberdöbling, am 20. April 2010, an dem übrigens Hildegund & Odetta ihren Namenstag haben
Nachdem die Hunde klatschnass wieder unter dem Zaun zurück in den Weingarten gekommen waren, wagte ich eine weitere, wie mir schien, literaturwissenschaftlich relevante Frage.
„Wenn wir schon dabei sind - wird die Geschichte in einer Wurscht erzählt oder gibt es eine Rahmenhandlung & die für Sie so signifikanten Abschweifungen in Episoden & Fußnoten?“
Wünsch blickte mich verständnislos an, bückte sich & streichelte mitleidig meinen Snoopy. „Fragt der eigentlich immer so beschränkt, Du armes Tier!“
Ich konnte Castor, der sich eifersüchtig auf Snoopy stürzen wollte, gerade noch am Halsband zurückhalten. Wünsch richtete sich wieder auf, blickte seufzend über die zu unseren Füßen liegende Döblinger Vorstadtsilhouette & dozierte:
„Finstern wird in drei Auszeiten erzählt. In jeder Auszeit erinnert sich mein Held Leo Kmetko an die Lebensabschnitte, die jeweils so eine Auszeit erforderlich gemacht haben. Man kann sagen, es gibt eigentlich nur mehr Plusquamperfekt & Futurum exactum“, sagte er & betrachtete mich kritisch. „Vorvergangenheit & Vorzukunft, ich weiß, ich weiß“, beeilte ich mich, ihm mein vollstes Verständnis kundzutun. „Die Gegenwart ernährt sich von der Zukunft & scheidet die Mitvergangenheit aus. Die ist zugleich die Erzählzeit. Ein reines Ausscheidungsprodukt sozusagen. In der Gegenwart zu erzählen wäre unliterarisch. Oder halten Sie Gebrauchs- & Regieanweisungen für Literatur, Commodore?“
Ich sagte sicherheitshalber gar nichts mehr & auch Wünsch schwieg den ganzen Heimweg über in Gedanken versunken. Ich nehme an, auch er versuchte zu verstehen, was er mir am Hungerberg alles verbraten hatte.
Zum Abschied fragte ich ihn rein rethorisch: "In den großen Romanen der Literaturgeschichte kommen auch immer Frauen vor..."
"Auch in Moby Dick?", unterbrach mich Wünsch.
"Wie ist das in Finstern? Was spielen die Frauen da für eine Rolle? Und wie heißen sie?", ließ ich mich nicht weiter irritieren.
"Eine von ihnen ist Kapitänin & heißt Klara Fall."
Wien-Oberdöbling, am 20. April 2010, an dem übrigens Hildegund & Odetta ihren Namenstag haben
Sonntag, 31. Januar 2010
Alte Schmiede Sprizz Bitter
Am Dienstag, 2. Februar, hat nicht nur Bodo Namenstag & sollte der Christbaum endlich entsorgt worden sein, sondern wird auch in der Alten Schmiede zu Wien aus "Sprizz Bitter" vorgelesen & zwar ab 19 Uhr. Aber nicht nur...
Donnerstag, 17. September 2009
Sprizz Bitter kann man nicht nur trinken, ...
... sondern auch daraus lesen. Und zwar am Montag, 5.10.09, dem Tag des hl. Attila, beim Heurigen "Christian´s Haus Wagner" in der Paradisgasse 24 im 19. Bezirk. Es lesen die Diva Gabriela Hütter & der Autor, die musikalische Gestaltung der Soiree obliegt Herrn Iannis Raptis. Angeblich gibt es Sprizz Bitter gratis, solang der Vorrat reicht. Keine Ahnung, ob damit das Buch gemeint ist oder das Getränk. Egal, Commodore geht jedenfalls hin. Ab 17 Uhr 30 ist das Haus Wagner geöffnet (die haben dort ein hervorragendes Buffet & einen gediegenen Tropfen, weiß der Commodore, zudem kann Herr Christian meisterlich dachdecken). Das wär´s für heute, Tag des hl. Lambert. Commodore wendet sich wieder seinem Tagwerk zu (er ist übrigens kein Dachdecker).
Dienstag, 21. Juli 2009
Aus Commodores Motorsportgedichten
Als er zuletzt gesehen ward,
trug Bruder Lizard
einen Bard,
inhalierte eine Smard
& fühlte sich im Go-Kard
von aller Welt genarrd.
Der Schalensitz war allzu hard.
Als letzter kam er weg vom Stard.
trug Bruder Lizard
einen Bard,
inhalierte eine Smard
& fühlte sich im Go-Kard
von aller Welt genarrd.
Der Schalensitz war allzu hard.
Als letzter kam er weg vom Stard.
Montag, 4. Mai 2009
SPRIZZ BITTER
Erzählung von Ernst Wünsch
Erscheint voraussichtlich Sommer 2009 im Verlag Sisyphos.
EXPOSE
Smut ist ein arbeitsloser Mittfünfziger, der einen Job sucht.
Kaum verlor er seine Stelle als Teilzeit-Bürokraft, verließ ihn auch noch seine Frau. Mit seiner halbwüchsigen Tochter pflegt er sporadischen Kontakt.
Er ist Hobbylyriker und kann halbwegs gut kochen.
Der 93jährige Korg war in den 1960ern als Aktionist und Theatererneuerer aktiv, lebt mit seinem Terrier Castor in der Casa Rosa, einem ehemaligen Fiakerhof in der Wiener Vorstadt. Da er etwas gebrechlich ist, sucht er Unterstützung im Haushalt und einen Hundebetreuer. Sein Jobangebot, auf das schwarze Brett eines Supermarkts affichiert, lautet: „Heizer gesucht“.
Beide sind, unabhängig voneinander, gesellschaftliche Randerscheinungen, fallen gelassene, überflüssig gewordene Verlierertypen, für die sich niemand interessiert, die keiner braucht. Smut, weil er es zu nichts gebracht hat in seinem Leben und als „50 plus“ am Arbeitsmarkt keine Chance hat, und der verkannte Künstler Korg, weil er als unbequemer Avantgardist seinerzeit zwar für Skandale gesorgt hat, aber alles andere als ein Verkaufsschlager gewesen war.
Während Smut unter seinem Außenseitertum leidet, erachtet Korg diese Ausgrenzung als Privileg. Er hat immer nur Kunst gegen das gerade aktuelle Gesellschaftssystem gemacht und findet es pervers, von denen gelobt und hofiert zu werden, die er verachtet, darunter namhafte Kunstexperten und Kulturmanager. Von der Öffentlichkeit quasi geächtet, lebt Korg sein isoliertes Leben, unbeirrt von der permanenten Ausgrenzung und der öffentlichen Ablehnung irgendwie zum Trotz, sucht aber schlussendlich jemanden, dem er sich mitteilen kann, einen Zuhörer gegen Bezahlung sozusagen, der seine philosophischen Tiraden auch noch protokolliert und seinen Beitrag zur Theatererneuerung für die Nachwelt konserviert. Warum nicht einen „Heizer“?
Smut, der sich vor Hunden eher fürchtet, bekommt den Job, weil ihn Castor sofort in sein Terrierherz schließt, und weil er die Zubereitung von Korgs Lieblingsgetränk „Sprizz bitter“ beherrscht.
Von November bis Jänner profiliert sich Smut als Haushaltsmanager, Hundesitter und Privatsekretär, protokolliert nicht nur, was Korg ihm erzählt, sondern lässt sich auch faszinieren von dieser beinahe 100jährigen Lebensgeschichte. Korg ist ein gewitzter Erzähler und überrascht auch mit philosophischen Exkursen. Der Sprizz bitter fließt dabei in Strömen.
Meilensteine der Korg-Vita sind einerseits sein Überleben der NS-Zeit als U-Boot in den Bergen zwischen Bad Ischl und dem Attersee, andererseits sein „k & w – actionistisches Kasperltheater“, das er gemeinsam mit seinem angeblichen Mentor O. U. Wysznarsz (der in dieser Erzählung eine ebenso tragende wie geheimnisvolle Rolle spielt) in den 1960ern auf die Beine gestellt hatte. Insbesondere das Stück „Verdauungstrilogie“, den Magen eines sterbenden Alkoholikers darstellend, soll seinerzeit für Negativschlagzeilen und polizeiliche Interventionen gesorgt haben.
In „Sprizz bitter“ kommen aber auch Liebe und Sex nicht zu kurz. Korg unterhält ein erotisches Verhältnis zu einer in die Jahre gekommenen „Exkellertheaterdiva“, die ihn als Theaterguru verehrt, regelmäßig die Fenster der Casa Rosa putzt und sich dem „Altmeister“ im Bedarfsfall hingibt. Smut lernt im Zuge seiner Dogsittings die Theaterwissenschaftsstudentin My kennen, die ebenfalls einen Hund betreut, der nicht ihr gehört, und verliebt sich in sie, während sie eher an Korg interessiert ist. Das Thema ihrer Abschlussarbeit lautet „experimentelles Theater der 1960er- und 70er-Jahre in Österreich“. Zudem verliebt sie sich in Korgs Muse Zoe, die „Exkellertheaterdiva“. Die beiden gründen sogar eine WG in Smuts Wohnung, nachdem dieser zu Korg und Castor in den Fiakerhof übersiedelt ist.
Das „Theater im Achterloch“, Zoes letzter Auftrittsort als Actrice, lädt Korg zu einem Remake der „Verdauungstrilogie“ unter dem Motto „verworfene Avantgarde“ ein. Zu viert wird die „actionistische Kasperltheaterbühne“ wieder auf Vordermann gebracht, organisiert und geprobt. Die Einladung entpuppt sich jedoch als Flop. Der Manager des „Achterlochs“ hat sich mit sämtlichen Fördergeldern bald aus dem Staub gemacht. Aber Korg lässt nicht locker. Das Event findet stattdessen in der Casa Rosa statt und wird nicht nur regional ein großer Erfolg. Auch internationale Kulturzentren bekunden ihr Interesse an dieser Art Aktionismus-Nostalgie. Korg wird geehrt, erhält Subventionen, sieht sich am Ziel seines Lebens und will endlich sterben. Sein Tod – ein künstlerisches Ereignis, das er im Rahmen einer überaus stimmungsvollen Weihnachtsfeier pathetisch ankündigt. Leider misslingt das Vorhaben und muss zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden. Ebenfalls erfolglos. Der Anzahl der korgschen Versuche, aus dem Leben zu scheiden, sind in dieser Geschichte keine Grenzen gesetzt.
Tatsache ist, dass My ihre Abschlussarbeit über Korg und dessen „actionistisches Kasperltheater“ vollendet, Smut von Korg adoptiert wird und die Casa Rosa in ein internationales Zentrum zur Pflege des „Aktionismus im 20. Jahrhundert“ umgewidmet und finanziell unterstützt wird. Smut verwaltet die nunmehrige Stiftung, in die neben dem Terrier Castor natürlich auch Zoe und My eingebunden sind. Von Korg, der Jahr für Jahr spektakuläre Sterbeversuche ankündigt (ohne sie zu Ende zu bringen) und von Smut weiterhin mit seinem geliebten Sprizz bitter versorgt wird, wenn ihm danach ist, ganz zu schweigen.
Die „Verdauungstrilogie“ wird fortan alljährlich kurz vor Weihnachten im Fiakerhof der Casa Rosa zur Aufführung gebracht, ganz ähnlich dem Salzburger „Jedermann“ zur Festspielzeit.
Sowas gefällt dem Commodore!
Erscheint voraussichtlich Sommer 2009 im Verlag Sisyphos.
EXPOSE
Smut ist ein arbeitsloser Mittfünfziger, der einen Job sucht.
Kaum verlor er seine Stelle als Teilzeit-Bürokraft, verließ ihn auch noch seine Frau. Mit seiner halbwüchsigen Tochter pflegt er sporadischen Kontakt.
Er ist Hobbylyriker und kann halbwegs gut kochen.
Der 93jährige Korg war in den 1960ern als Aktionist und Theatererneuerer aktiv, lebt mit seinem Terrier Castor in der Casa Rosa, einem ehemaligen Fiakerhof in der Wiener Vorstadt. Da er etwas gebrechlich ist, sucht er Unterstützung im Haushalt und einen Hundebetreuer. Sein Jobangebot, auf das schwarze Brett eines Supermarkts affichiert, lautet: „Heizer gesucht“.
Beide sind, unabhängig voneinander, gesellschaftliche Randerscheinungen, fallen gelassene, überflüssig gewordene Verlierertypen, für die sich niemand interessiert, die keiner braucht. Smut, weil er es zu nichts gebracht hat in seinem Leben und als „50 plus“ am Arbeitsmarkt keine Chance hat, und der verkannte Künstler Korg, weil er als unbequemer Avantgardist seinerzeit zwar für Skandale gesorgt hat, aber alles andere als ein Verkaufsschlager gewesen war.
Während Smut unter seinem Außenseitertum leidet, erachtet Korg diese Ausgrenzung als Privileg. Er hat immer nur Kunst gegen das gerade aktuelle Gesellschaftssystem gemacht und findet es pervers, von denen gelobt und hofiert zu werden, die er verachtet, darunter namhafte Kunstexperten und Kulturmanager. Von der Öffentlichkeit quasi geächtet, lebt Korg sein isoliertes Leben, unbeirrt von der permanenten Ausgrenzung und der öffentlichen Ablehnung irgendwie zum Trotz, sucht aber schlussendlich jemanden, dem er sich mitteilen kann, einen Zuhörer gegen Bezahlung sozusagen, der seine philosophischen Tiraden auch noch protokolliert und seinen Beitrag zur Theatererneuerung für die Nachwelt konserviert. Warum nicht einen „Heizer“?
Smut, der sich vor Hunden eher fürchtet, bekommt den Job, weil ihn Castor sofort in sein Terrierherz schließt, und weil er die Zubereitung von Korgs Lieblingsgetränk „Sprizz bitter“ beherrscht.
Von November bis Jänner profiliert sich Smut als Haushaltsmanager, Hundesitter und Privatsekretär, protokolliert nicht nur, was Korg ihm erzählt, sondern lässt sich auch faszinieren von dieser beinahe 100jährigen Lebensgeschichte. Korg ist ein gewitzter Erzähler und überrascht auch mit philosophischen Exkursen. Der Sprizz bitter fließt dabei in Strömen.
Meilensteine der Korg-Vita sind einerseits sein Überleben der NS-Zeit als U-Boot in den Bergen zwischen Bad Ischl und dem Attersee, andererseits sein „k & w – actionistisches Kasperltheater“, das er gemeinsam mit seinem angeblichen Mentor O. U. Wysznarsz (der in dieser Erzählung eine ebenso tragende wie geheimnisvolle Rolle spielt) in den 1960ern auf die Beine gestellt hatte. Insbesondere das Stück „Verdauungstrilogie“, den Magen eines sterbenden Alkoholikers darstellend, soll seinerzeit für Negativschlagzeilen und polizeiliche Interventionen gesorgt haben.
In „Sprizz bitter“ kommen aber auch Liebe und Sex nicht zu kurz. Korg unterhält ein erotisches Verhältnis zu einer in die Jahre gekommenen „Exkellertheaterdiva“, die ihn als Theaterguru verehrt, regelmäßig die Fenster der Casa Rosa putzt und sich dem „Altmeister“ im Bedarfsfall hingibt. Smut lernt im Zuge seiner Dogsittings die Theaterwissenschaftsstudentin My kennen, die ebenfalls einen Hund betreut, der nicht ihr gehört, und verliebt sich in sie, während sie eher an Korg interessiert ist. Das Thema ihrer Abschlussarbeit lautet „experimentelles Theater der 1960er- und 70er-Jahre in Österreich“. Zudem verliebt sie sich in Korgs Muse Zoe, die „Exkellertheaterdiva“. Die beiden gründen sogar eine WG in Smuts Wohnung, nachdem dieser zu Korg und Castor in den Fiakerhof übersiedelt ist.
Das „Theater im Achterloch“, Zoes letzter Auftrittsort als Actrice, lädt Korg zu einem Remake der „Verdauungstrilogie“ unter dem Motto „verworfene Avantgarde“ ein. Zu viert wird die „actionistische Kasperltheaterbühne“ wieder auf Vordermann gebracht, organisiert und geprobt. Die Einladung entpuppt sich jedoch als Flop. Der Manager des „Achterlochs“ hat sich mit sämtlichen Fördergeldern bald aus dem Staub gemacht. Aber Korg lässt nicht locker. Das Event findet stattdessen in der Casa Rosa statt und wird nicht nur regional ein großer Erfolg. Auch internationale Kulturzentren bekunden ihr Interesse an dieser Art Aktionismus-Nostalgie. Korg wird geehrt, erhält Subventionen, sieht sich am Ziel seines Lebens und will endlich sterben. Sein Tod – ein künstlerisches Ereignis, das er im Rahmen einer überaus stimmungsvollen Weihnachtsfeier pathetisch ankündigt. Leider misslingt das Vorhaben und muss zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden. Ebenfalls erfolglos. Der Anzahl der korgschen Versuche, aus dem Leben zu scheiden, sind in dieser Geschichte keine Grenzen gesetzt.
Tatsache ist, dass My ihre Abschlussarbeit über Korg und dessen „actionistisches Kasperltheater“ vollendet, Smut von Korg adoptiert wird und die Casa Rosa in ein internationales Zentrum zur Pflege des „Aktionismus im 20. Jahrhundert“ umgewidmet und finanziell unterstützt wird. Smut verwaltet die nunmehrige Stiftung, in die neben dem Terrier Castor natürlich auch Zoe und My eingebunden sind. Von Korg, der Jahr für Jahr spektakuläre Sterbeversuche ankündigt (ohne sie zu Ende zu bringen) und von Smut weiterhin mit seinem geliebten Sprizz bitter versorgt wird, wenn ihm danach ist, ganz zu schweigen.
Die „Verdauungstrilogie“ wird fortan alljährlich kurz vor Weihnachten im Fiakerhof der Casa Rosa zur Aufführung gebracht, ganz ähnlich dem Salzburger „Jedermann“ zur Festspielzeit.
Sowas gefällt dem Commodore!
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